Kanondebatte hin oder her... hier einige Anregungen, die im Dickicht der Besten- und Bestsellerlisten ein wenig Orientierung bieten mögen. Dazu viele Bücher zum Thema Literatur und Lesen im allgemeinen. Nicht alles ist emp- fehlenswert. Das meiste jedoch ist lehrreich und kurzweilig und viele Bücher sind sogar richtig spannend zu lesen:
 

Adler, J. Mortimer & van Doren, Charles: Wie man ein Buch liest
„Gutes Lesen ist eine komplexe Tätigkeit, ebenso wie gutes Schreiben. Es besteht aus zahlreichen unverzichtbaren Einzelschritten. Je mehr der Leser davon beherrscht, desto besser kann er lesen.“ (Klappentext)
Dieses Buch ist ein Plädoyer für aktives Lesen, gründliches Lesen, konzentriert, prüfend und vergleichend. Denn nach Aussage der Autoren ist es dem Leser erst dann erlaubt, sich kritisch zum Inhalt eines Buches zu äußern, wenn er sich auf Augenhöhe mit dem Autor befindet, wenn er dessen Aussage also wirklich verstanden hat. In gewisser Weise steht Adlers Buch damit im Gegensatz zu der Meinung Pierre Bayards (siehe nachfolgender Artikel), der es mit den Büchern über die er spricht nicht ganz so genau nimmt. - Oder auch nicht, denn selbst Mortimer J. Adler empfiehlt ein unbekanntes (Sach-)Buch zunächst einmal quer zu lesen - jedoch nur um zu ergründen, ob sich der Aufwand einer tiefer gehenden Lektüre tatsächlich lohnt. Dafür aber gibt er dem Leser dann ein ausgefeiltes Regelwerk an die Hand, das er im Verlauf des Buches Schritt für Schritt entwickelt und an zahlreichen Beispielen illustriert. Im einleitenden Teil seines Werkes beschäftigt sich Adler zunächst mit der Kunst des Lesens im allgemeinen (Lesen ist nicht gleich Lesen), kommt dann zu den von ihm charakterisierten vier Lesestufen (elementares Lesen, prüfendes Lesen, analytisches Lesen und syntopisches [vergleichendes] Lesen) um sich abschließend den Kriterien zur Auswahl geeigneter Bücher zu widmen. (Das Buch als Herausforderung)
Bei der Lektüre dieses Buches wird schnell klar: WIE MAN EIN BUCH LIESST ist ein populärwissenschaftliches Werk, das sich im wesentlichen auf den Umgang mit Sachbüchern (Geschichte, Naturwissenschaft und Mathematik, Philosophie und Sozialwissenschaften) konzentriert. Die Belletristik kommt nur am Rande vor. Das ist bedauerlich und gestaltet die Lektüre dieses sonst sehr geistreichen Buches für die Freunde der „schönen Literatur“ ein wenig zäh und langatmig. Darüber tröstet auch die obligatorische Bücherliste im Anhang des Bandes nicht hinweg, die - wen wundert es - alles aufzählt, was Rang und Namen hat in der (vorwiegend) klassischen Literatur.
Trotzdem, weil’s so schön ist, seien am Schluss noch die Leseregeln erwähnt, welche sich Mortimer J. Adler für die Lektüre von Romanen, Lyrik und Dramen erdacht hat:
1. Versuchen Sie nicht, sich den Wirkungen zu widersetzen, die ein belletristisches Werk auf Sie ausübt. 2. Suchen Sie nicht nach Begriffen, Behauptungen und Argumenten in Werken der schönen Literatur. 3. Wahrheit und Folgerichtigkeit sind keine Kriterien für die Beurteilung von Belletristik. 4. Machen Sie sich in der imaginären Welt heimisch, lernen Sie sie kennen, als wären Sie als Beobachter dabei, werden Sie zu einem ihrer Bewohner, seien Sie bereit, sich ihrer Figuren anzunehmen, und in der Lage, an den Geschehnissen durch mitfühlende Einsicht teilzunehmen wie an den Handlungen und Leiden von Freunden. 5. Kritisieren Sie einen Roman oder ein Drama erst dann, wenn Sie voll einschätzen können, welches Erlebnis der Schriftsteller Ihnen vermitteln wollte. 6: Lesen Sie erzählende Prosa schnell und tauchen Sie völlig in sie ein. 7. Lesen Sie ein Gedicht in einem Stück, ohne zu unterbrechen, wenn Sie etwas nicht verstehen. 8. Lesen Sie das Gedicht nach dem ersten Durchgang noch einmal durch, aber lesen Sie es laut.
Und noch etwas als Mahnung des Autors an uns alle: Wenn man ein Buch liest und kein blutiger Anfänger ist, muss man Fragen an das Buch stellen (und sie so gut man kann beantworten). Das sollte man zu keiner Zeit vergessen. Das unterscheidet den anspruchsvollen Leser vom anspruchslosen Leser. Letzterer stellt keine Fragen und bekommt keine Antworten. …Schön und gut, Herr Adler, aber welche Fragen denn?… Antwort: Wovon handelt das Buch? Was wird im einzelnen gesagt und wie wird es gesagt? Ist das was im Buch steht wahr - insgesamt oder zum Teil? Warum ist das wichtig?
Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 2007, gebunden, 385 Seiten, 22 Euro

Pierre Bayard: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.
Wenn Sie diese Zeilen lesen, gehören Sie bestimmt auch zu denen, die gerne über Literatur reden. Aber, Hand aufs Herz, haben Sie beispielsweise Prousts epochales Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ tatsächlich gelesen? Und wie steht’s mit Musils „Mann ohne Eigenschaften“, dem “Ulysses” oder dem “Hamlet”? Nach der Lektüre des kleinen Büchleins von Pierre Bayard werden Sie sich Ihres Unwissens nicht mehr schämen müssen und es durchaus legitim finden über Bücher zu reden, die Sie nicht gelesen haben. Sie werden verstehen, dass die Lektüre einzelner Bücher sogar hinderlich sein kann, weil Ihnen dann nämlich die Zeit fehlt, den Überblick über das große Ganze der Literatur zu behalten.
Pierre Bayard selbst ist ehrlich genug zuzugeben, dass auch er nicht alle von ihm zitierten Bücher komplett gelesen hat, wie man den Fußnoten seines Buches entnehmen kann. Diese „ungelesenen Bücher“ teilt er in vier Kategorien ein: Bücher, die man gar nicht kennt; Bücher, die man nur quergelesen hat; Bücher, die man lediglich vom Hörensagen kennt und Bücher, die man zwar irgendwann gelesen, inzwischen aber wieder vergessen hat. Jede seiner Thesen untermauert er mit einem konkreten Beispiel aus der Literatur, zitiert Musil, Eco, Freud, Montaigne, Balzac, Graham Green, David Lodge, Paul Valéry, Oscar Wilde und Alberto Manguel bevor er sich im zweiten Teil seines Essays mit praktischen Ratschlägen zum Umgang mit dem „fundierten Halbwissen“ beschäftigt.
Trotz seines ehrlichen Bekenntnisses zu Wissenslücken ist der Psychoanalytiker und Literaturprofessor Bayard natürlich einer, der sich in der Literatur auskennt und mit vielen Zitaten und Querverweisen seine Kennerschaft offenbart. Das macht die Lektüre von „Wie man über Bücher spricht…“ unterhaltsam, spannend und amüsant. Wer allerdings konkrete (platte) Phrasen erwartet hat, um für Partygespräche gerüstet zu sein, der wird enttäuscht sein. Das Buch ist auf einer höheren Ebene angesiedelt. Am Ende sollten wir aber nicht vergessen, dass es über den reinen Erwerb von literarischem Allgemeinwissen hinaus noch ganz andere Gründe gibt, sich mit Büchern zu beschäftigen, zum Beispiel dieser hier: einfach Spaß am Lesen.
Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2007, gebunden, 221 Seiten, 16,90 Euro

Frédéric Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf - Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts
Hier haben wir es zur Abwechslung endlich mal wieder mit einem echten Literaturkanon zu tun, denn - Zitat aus dem Vorwort des Autors - diese fünfzig Werke sind von den sechstausend Franzosen ausgewählt worden, die einen von der FNAC und Le Monde im Sommer 1999 verteilten Fragebogen zurückgeschickt haben. Es handelt sich also um eine demokratische und dennoch subjektive Auswahl, da © Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2002diese Personen ihre Entscheidung anhand einer Liste von zweihundert Titeln getroffen haben, die vorab durch eine Gruppe von Buchhändlern und Kritikern ausgesucht worden waren. So wundert es uns nicht, dass gleich zwanzig französische Autoren unter den besten zu finden sind: gleich auf Platz Eins Albert Camus mit `Der Fremde´, auf dem zweiten Platz Proust, dann Kafka, Saint-Exupéry, Malraux, Céline und Steinbeck. Weiter hinten folgen Sartre, Huxley, Orwell, Freud, Nabokov, García Márquez usw.
Der Verfasser des Klappentextes hat recht, wenn er schreibt: In diesem vergnüglichen, klugen und stets augenzwinkernd ironischen Buch präsentiert er (Beigbeder) seine Hitliste (...) Beigbeder schwärmt, kritisiert und persifliert und brilliert ganz nebenbei mit farbigen Exkursen in die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ein Logbuch der Leselust für diejenigen, die unter Bildung mehr als Kenntnis des Kanons verstehen.
Übrigens kennen Sie den Verfasser wahrscheinlich. In Frankreich ist er ein bekannter Autor und Literaturkritiker. Bei uns kennt man ihn als Autor des Buches `39,90´.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2002, geb., 173 Seiten, 16,90 Euro

Ella Berthoud & Susan Elderkin mit Traudl Bünger: Die Romantherapie -
253 Bücher für ein besseres Leben
Sie leiden an Schlaflosigkeit? Dann lesen Sie „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa. Oder an Bindungsangst? Dann sollte Ihnen „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago helfen. Sie werden von Hämorrhoiden geplagt? Dann natürlich „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche. Bei zu wenig Sex hilft „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ von David Mitchell. Bei zuviel des gleichen übrigens Charles Bukowski mit „Das Liebesleben der Hyäne“ oder auch „Die Teufelin“ von Fay Welden. Ihre Eifersucht lindert Leopold von Sacher-Masoch, Ihr Tinitus Jonathan Franzen, Ihre Alkoholsucht Stephen King oder Malcolm Lowry. Und bei Impotenz wird zu Wilhelm Genazinos „Die Liebesblödigkeit“ geraten.
© Insel Verlag Berlin, 2013Das Buch ist zuerst in Großbritannien erschienen. Traudl Bünger hat das Werk ihrer englischen Kolleginnen auf sinnvolle Weise um deutschsprachige Schriftsteller/Innen ergänzt. In kurzen Kapiteln stellen die Autorinnen die Romane vor, gehen kurz auf ihren Inhalt ein und erklären, warum sie sie für geeignet halten zur „Bibliotherapie“. Die Kapitelüberschriften weisen in alphabetischer Reihenfolge auf die Krankheiten hin: Altersschwäche, Erkältung, Hypochondrie, Depression, Flugangst... . Viele Leiden sind gar keine, allenfalls Laster, oft nicht einmal das: Fernweh, Fremdgehen, Schlussmachen, Pensionierung, Schwangerschaft... . Lose eingestreut sind die obligatorischen Listen: Die zehn besten Romane für die Hängematte, für Flugreisen, für Teenager, Fünfzigjährige, Zugfahrten usw.
Ist das alles ernst gemeint? Nicht wirklich. Die Literatur kann vieles, doch Krankheiten heilen kann sie nicht. Vielleicht vermag die Lektüre eines guten Buches ein wenig das Leiden zu lindern, gewiss aber Zuversicht und Trost zu spenden .. und natürlich: Freude. In diesem Sinne ist „Die Romantherapie“ ein Appetizer, der den Leser auf unbekanntes neugierig macht und ihn dazu verleitet, den einen oder anderen längst vergessenen Roman erneut zur Hand zu nehmen. Das ist der Anspruch, den dieses Buch erfüllen kann, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer jedoch ernsthaft erkrankt ist, sollte auch weiterhin zum Arzt gehen.
Insel Verlag Berlin, 2013, geb., 430 Seiten, 20 Euro

William Blades: Bücherfeinde
Über Feuer und Wasser, Gas und Hitze, Staub und Vernachlässigung, Ignoranz und Engstirnigkeit
Der Engländer William Blades lebte von 1824 bis 1890. Er selbst bezeichnete sich als Drucker. Aber Blades war natürlich mehr als das. Sein Interesse für die Typographie, deren Geschichte und Entwicklung seit Gutenberg und William Caxton (Englands erstem Buchdrucker), erweckte in ihm eine Leidenschaft, die über die reine Liebe zur Buchdruckkunst weit hinaus ging. Er wurde zum Sammler und Experten, bereiste Bibliotheken, Druckereien, Klöster und Universitäten quer durchs Land. Er hat, wie der Übersetzer und Herausgeber Hektor Haarkötter in seinem Vorwort anmerkt, die Bibliophilie, einem spleenigen Zeitvertreib gutbetuchter Büchernarren, in eine Wissenschaft verwandelt. Damit zählt William Blades zu den Begründern der Bücherkunde als Medienwissenschaft.
In seinem populärsten Buch, THE EMEMIES OF BOOKS, zieht William Blades auf nicht nur scherzhafte Weise gegen die Todfeinde der Bücher zu Felde. Hektor Haarkötter fasst den Inhalt so zusammen: Zehn Kapitel, zehn Fanale gegen den Missbrauch, die Vernachlässigung und letztlich die Zerstörung des höchsten menschlichen Kulturguts, des Buches: Feuer zerstörte die Bibliotheken von© Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012 Alexandria und “ketzerische” Schriften im Mittelalter und in der Reformationszeit. Schiffsladungen mit Büchern gingen in den Wassern der Weltmeere unter. Die Einführung der Gaslampen hat Bibliotheken pulverisiert. Unter enormen Staubschichten versanken ganze Kollektionen. Ignoranz und Fanatismus vernichtete quer durch Religionen und Ideologien massenhaft Bücher. Bücherwürmer durchbohrten und zerfraßen die wertvollsten Schätze aus Pergament und Papier. Auch andere Schädlinge als die gefräßigen Insekten kosteten Bücher das Leben, ob Ratten, Mäuse oder auch der gemeine Kabeljau. Buchbinder verkehrten oft die gute Absicht ins Gegenteil und zerlegten, was sie binden sollten. Sammler zerschnitten und zerfetzten Bücher auf der Jagd nach Frontispizen oder Kolophonen. Dienstboten und Kinder schließlich konnten mit ihrer Unachtsamkeit jeder Bibliothek gefährlich werden. Ein Gruselkabinett, ein kleiner Horrorladen für Freunde des Buches.
Was, so fragt sich der Leser, hätte William Blades wohl zum Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar im Jahre 2004 gesagt und erst zum Einsturz des historischen Stadtarchivs in Köln. Vielleicht hätte er seinem Buch ja ein elftes Kapitel hinzugefügt: Buchvernichtung durch U-Bahn-Bau. Übrigens: Hektor Haarkötter hat dem Kapitel “Bücherwurm” selbst ein Buch gewidmet. Es heißt: DER BÜCHERWURM - Vergnügliches für den besonderen Leser (siehe weiter unten)
Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, gebunden, 136 Seiten, 14,90 Euro

Tobias Blumenberg: Der Lesebegleiter -
Eine Entdeckungsreise durch die Welt der Bücher

© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019Welch ein Schmöker! Ein Ziegelstein von einem Buch! Fast 800 Seiten dick, davon allein 200 Seiten Anmerkungen. Tobias Blumenberg, der Sohn des Philosophen Hans Blumenberg, hat Archäologie und Zahnmedizin studiert. Dass er als Deutschlands belesenster Zahnarzt gilt, wie der Klappentext behauptet, mag man angesichts dieses Buches und der Größe seiner eigenen Bibliothek gerne glauben.
Eine Reise durch die Welt der Bücher verspricht uns dieses Buch. Eine lange Reise ist daraus geworden, eine Rundreise eher, die uns Leser zum einen an bekannte Orte führt (schön, wenn man sich in seiner Meinung zu den im Buch angesprochenen Werken vom Autor bestätigt fühlt) zum anderen aber an versteckte und bis dahin unbekannte Schauplätze der Weltliteratur geleitet. Gelegentlich verlassen wir die Hauptroute und machen Abstecher zu Orten, die heißen: der Schauer- und Kriminalroman, Geschichte der Kulturgeschichte, der Schelmenroman, Die Berufung des Künstlers, einige Andeutungen über antike Philosophie, Bretter, die die Welt bedeuten, die Metapher, der vergessene Dichter usw. Häufig möchte man verweilen und mehr erfahren über Werk  und Autor, doch schon geht es weiter, im kumpelhaften Plauderton kreuz und quer durch die Weltliteratur. Das wirkt oftmals gehetzt. Den Takt dabei gibt allein der persönliche Geschmack und das enorme Wissen des Autors vor. So bekommt das Buch eher den Charakter eines Selbstgesprächs am Kamin. Beeindruckend ist aber die ungeheure Fleißarbeit, die Tobias Blumenberg hier geleistet hat und man spürt auf jeder Seite des Buches die Liebe des Autors zur Literatur.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, gebunden, 776 Seiten, 28 Euro

Klaus Michael Bogdal, Clemens Kammler (Hsg.):
(K)ein Kanon. 30 Schulklassiker neu gelesen

Kein Kanon?... Doch, natürlich, denn immerhin versammelt der renommierte Oldenbourg-Verlag hier in seinem Jubiläumsband 30 Werke der Weltliteratur, die - wie man anhand der Verkaufszahlen der Einzelhefte vermuten kann - zu den Top- Themen des Deutschunterrichts an unseren Schulen zählen: Die Leiden des jungen Werther, Nathan der Weise, Faust, Woyzeck, Die Judenbuche, Der Schimmelreiter, Der Untertan, Der Steppenwolf, Berlin Alexanderplatz, Der Besuch der alten Dame, Die verlorene Ehre der Katharina Blum und auch sechs Titel unserer Lese-Tipps: Thomas Mann, “Buddenbrooks”; Remarque, “Im Westen nichts Neues”; Seghers, “Das Siebte Kreuz”; Frisch, “Homo Faber”; Grass, “Die Blechtrommel” und Süßkind, “Das Parfüm”. Die Interpretationen sind durchweg fünf bis sechs Seiten lang. Kernsätze sind fett gedruckt. Wer vor ellenlangen wissenschaftlichen Abhandlungen zurückschreckt, findet hier das wichtigste in Kürze.
Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH, München 2000, Paperback, 180 Seiten, 11,80 Euro

Otto A. Böhmer: Sternstunden der Literatur© Verlag C.H. Beck, München 2003
Sternstunden in der Literatur bezeichnen Momente der Inspiration im Leben eines Autors, Kristallisations- und Wendepunkte in seiner Biographie. Also, nicht von der alles überstrahlenden Erleuchtung ist hier die Rede, nicht von dem Blitzeinschlag im Kopf, nicht vom “Heureka, ich hab’s”. Nein, Böhmer erzählt vielmehr Markantes aus der Lebensgeschichte der Autoren, berichtet von deren innerer Befindlichkeit, deren Stimmungen und Erlebnissen, die am Ende den Nährboden bildeten, auf dem ihre Werke entstanden. Kleine unaufgeregte Konstellationsgeschichten nennt Böhmer seine sieben bis acht Seiten langen Essays. 17 sind es insgesamt: neben Kafka und Dante, Joseph Conrad, Jean Paul, Nabokow, Proust, Eichendorf, Rilke, Tschechow, Hölderlin, Hans Christian Andersen, Musil, Diderot, Clemens Brentano, und Novalis natürlich Thomas Mann und Goethe.
Verlag C.H. Beck, München 2003, Paperback, 181 Seiten, 9,90 Euro

Helmut Böttiger: Nach den Utopien – eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
Helmut Böttigers Buch umfasst in etwa den Zeitraum von der deutschen Wiedervereinigung bis hinein in die Gegenwart. Der Autor reflektiert die Werke wichtiger deutschsprachiger Autoren - vor allem der mittleren Generation - vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens, zählt Eigenheiten auf, beschreibt, was deren jeweiliges Œuvre zu einem einheitlichen Ganzen macht und zeigt, was von behaupteten Konjunkturen übriggeblieben ist und bei wem sich spezifische Erfahrung zu einem Werk von Rang fügt. (Klappentext)
Dass er dabei an den Altvorderen der deutschsprachigen Literatur und deren nachhaltigen Einfluss  auf die Gegenwartsliteratur natürlich nicht vorbei kommt, ist klar. Dementsprechend trägt das erste Kapitel auch den Titel ‚Platzhirsche’ und handelt von Günter Grass, Christa Wolf, Martin Walser und Peter Handke. Es folgen die Kapitel ‚Humor und Melancholie’ (mit Beiträgen zu Wilhelm Genazino, Markus Werner und Thomas Strittmatter), ‚Die späte Moderne des Ostens’ (Wolfgang Hilbig, Reinhard Jirgl, Durs Grünbein, Kathrin Schmidt, Herta Müller, Fritz Rudolf Fries), ‚Das Wissen, die Leere, das Ich’ (Botho Strauß, Ulrich Pelzer, Marcel Beyer, Ernst-Wilhelm Händler, Robert Menasse, Ingo Schulze u.a.), ‚Rhythmusgefühl’ (Elfriede Jelinek, Thomas Kling, Thomas Meinecke, Thomas Lehr, Brigitte Kronauer) und ‚Literatur und Journalismus’ (Hans Magnus Enzensberger, Judith Hermann u.a.)
Helmut Böttigers Buch jedoch als eine „Geschichte“ der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu bezeichnen, scheint mir doch ein wenig hoch gegriffen zu sein. Für eine umfassende Darstellung des Themas - das nämlich suggeriert der Untertitel - finden letztlich doch zu wenig Autoren Erwähnung, oder besser: über die genannten Namen hinaus hält der Autor keinen weiteren für erwähnenswert. Fazit: Wer das Buch in einem Rutsch liest, den wird die Lektüre möglicherweise ermüden. Jedes der im Durchschnitt zehn Seiten langen Porträts ist aber als durchaus eigenständig zu betrachten und besonders dann interessant, wenn man sich mit dem Werk des besprochenen Autors/ der besprochenen Autorin halbwegs auskennt. Lese-Tipps im eigentlichen Sinne hält das Buch jedoch nicht bereit.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004, gebunden, 310 Seiten, 24,90 Euro

Reinhard Brandt (Hg.): Meisterwerke der Literatur (Von Homer bis Musil)
© Reclam Verlag Leipzig 2001, Reclam Bibliothek Leipzig, Band 20014
Der Untertitel lässt es schon erahnen: etwas konservativ kommt das Buch daher. Das zumindest mag man meinen, sieht man sich die Überschriften der Kapitel an. 13 sind es, und immer geht es um die absoluten Klassiker der Literaturgeschichte: Homer, Dante, Petrarca, Cervantes, Molière, Goethe, E.T.A. Hoffmann, Dostojewskij, Joyce, Thomas Mann, Musil, Celan und als modernstes Meisterwerk (und als einzige Frau in diesem erhabenen Kreis) immerhin Toni Morrison mit MENSCHENKIND (Beloved, 1987).
Auch in diesem Fall sind  die Kapitel des Buches eine Sammlung bereits vorweg veröffentlichter Beiträge. Sie sind hervorgegangen aus einer Vortragsreihe des „Studium Generale“ der Philipps-Universität Marburg im Sommersemester 2000.
Reinhard Brandt (Hg) - Meisterwerke der Literatur (Von Homer bis Musil), Reclam Verlag Leipzig 2001, Reclam Bibliothek Leipzig, Band 20014, Taschenbuch 399 Seiten, 12,50 Euro

Christine Brinck (Hg.): Das Beste von allem, Buch der Listen
© 2005 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei HamburgDie Besten, die Schönsten, die Höchsten, die Langweiligsten, die Klügsten, die Furchtbarsten und viele andere Rekorde und Sensationen. (Klappentext) Manches davon ist reine Statistik, andere Listen bestehen aus wenig interessanten Beiträgen ebenso prominenter wie kompetenter Zeitgenossen. Im Kapitel Literatur, das gerade mal 56 Seiten umfasst, erfahren wir die Titel der zehn liebsten italienischen Bücher Giovanni di Lorenzos, verrät uns Hubert Burda seine liebsten zwölf Gedichte, Peter Engelmann nennt uns den seiner Meinung nach überschätztesten Philosophen der letzten 200 Jahre (es ist Jürgen Habermas!) und Stefan Aust packt die drei Bücher für die einsame Insel in seinen Koffer.
Müssen wir dieses Buch lesen? Nein, dies ist ein durch und durch überflüssiges Buch. Wenn schon, dann lieber “Schotts Sammelsurium”. Rowohlt Verlag Hamburg 2005, Hardcover 313 Seiten, 10 Euro

Bücher
Was mich nervt ist folgendes: Ich kaufe ein Büchermagazin, vielleicht weil mich die Titelstory interessiert, vielleicht weil ich über Neuerscheinungen informiert werden will, jedenfalls weil ich mir interessante Neuigkeiten aus der Welt der Belletristik erhoffe - und dann: Nach dem immerhin doppelseitigen Aufmacher erfahre ich das neueste aus der Welt der Fitness-Ratgeber, wie ich schmackhafte vegetarische Gerichte zubereite und welchen Ratgeber ich zur Vorbereitung meines nächsten Sommerurlaubs auf Tasmanien benötige. Nicht dass ich etwas gegen Tasmanien hätte, oder gegen vegetarische Gerichte (so ein knusprig gebackener Hirse-Bratling ist schon eine feine Sache!?), doch eigentlich hätte ich schon ganz gern mehr über die Prosa-Highlights der Saison erfahren. Statt dessen quäle ich mich durch endlos lange Sachbuchbesprechungen.
Bei dem Magazin mit dem schlichten Titel BÜCHER, so scheint mir, ist dies anders. Natürlich gibt es auch hier die obligatorischen Sachbücher, doch die Belletristik scheint den Autoren von BÜCHER weitaus mehr am Herzen zu liegen. Das  wird nicht nur deutlich an den liebevoll gestalteten Autorenportraits, an den Rezensionen und Leseproben, sondern viel eher noch an den netten Nebensächlichkeiten wie das Ranking, den Lieblingsbüchern der Redaktion, das schönste, das schlimmste Cover, den wiederentdeckten Klassikern, den Beinahe-Klassikern usw.
Die durchweg farbig bedruckten Hefte im Din-A4-Format haben durchschnittlich etwa 100 Seiten. Erscheinungsweise alle zwei Monate. Der Einzelpreis beträgt 3,80 Euro, das Jahresabonnement kostet  19,50 Euro.
www.buecher-magazin.de

Ein Büchertagebuch -
Buchbesprechungen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Zu den fundiertesten Literaturkritiken deutschsprachiger Tageszeitungen gehören die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Jedes Jahr im Herbst erscheinen die Kritiken eines Jahrganges zusammengefasst als Paperback auf dem Buchmarkt - und jedes Jahr wird das Buch dicker (und teurer).  Beispielsweise die Ausgabe des Jahres 2001, übrigens der 25. Jahrgang, ist 955 Seiten stark und umfasst ca. 850 einzelne Artikel aus den Bereichen Romane - Erzählungen - Lyrik, klassische Autoren, Biographien - Literaturwissenschaft und Sprache - Medien..., Philosophie - Psychologie - Pädagogik..., Welt- und Zeitgeschichte - Politik..., Kunst...; Wirtschaft - Sport, Technik - Umwelt, Kinder- und Jugendbücher. Bei diesem Umfang ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man zum gesuchten Autor irgend etwas Nützliches findet. Hilfreich sind die drei Register im Anhang. Die sind nämlich sortiert nach Autoren und Herausgebern, Verlagen und Rezensenten. Noch hilfreicher wäre ein Register, das die bisher erschienenen Jahrgänge als Ganzes umfasst. Das ersparte viel Sucherei.
PS. Seit der Buchmesse 2002 wird der gedruckte Literatur-Almanach nicht mehr aufgelegt. Statt dessen gibt es jetzt ausschließlich die CD-Rom BUCHKRITIK, die erscheint übrigens schon seit 1995. Ich finde allerdings, dass ihr Preis zu hoch ist.
F.A.Z-Versandservice, Schulstraße 12, 56468 Trebur, Telefon: (06147) 697; Telefax: (06147) 3275; Internet: www.FAZ.net/archiv; Preis: 35,00 Euro zzgl. Versandkosten

Buch-Journal, Buch Szene, Die neuen Bücher, Lesart, Buch aktuell...
Nicht die Nase rümpfen sollte man über die kostenlosen Werbeblättchen. Bieten sie doch einen guten Überblick über das, was gerade auf dem Buchmarkt feilgeboten wird. Daneben Rätsel, Interviews und Buchtipps zu unterschiedlichsten Themen. Gerade Lesart fällt durch Anspruch und Aufmachung in besonderer Weise positiv auf.
Die Magazine erscheinen drei bis viermal im Jahr und liegen in den meisten Buchhandlungen aus.

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Buchkultur  - das internationale Buchmagazin
Aus Österreich kommt die BUCHKULTUR zu uns. Während sich die LITERATUREN eher den großen Themen widmet, orientiert sich das schmale Heft aus Wien eher an dem was sich auf dem deutschsprachigen (oder österreichischen) Buchmarkt denn so tut. So heißt denn auch das größte Kapitel `Marktplatz´, unterteilt in Belletristik, Taschenbuch und Sachbuch. Im `Spektrum´ finden wir Aktuelles und in der `Bücherwelt´ vertiefende Artikel: Portraits, Interviews, spezielle Themen, wie zum Beispiel Jahrhundertbücher, AutorIn des Jahres. Die Artikel sind kurz, prägnant, überschaubar. Nie gehen sie über eine Doppelseite hinaus. Zu den 6 Ausgaben eines Jahres erscheinen in unregelmäßigem Abstand Sonderhefte.
A-1150 Wien, Hüttendorfer Straße 26, Einzelpreis: 4,35 Euro, Jahresabo inkl. Sonderhefte: 28,00 Euro, Auflage 15.100 (nur in gut sortierten Zeitschriftenläden)

Roberto Calasso: Hundert Briefe an einen unbekannten Leser
Wie hierzulande gemeinhin Klappentexte verfasst werden, ist bekannt: kurze Inhaltsangabe, Biographie … fertig. Ganz anders die Texte des italienischen Autors und Kritikers Roberto Calasso. Zwar erfahren wir vom Inhalt auch bei ihm recht wenig, dafür aber um so mehr von Autor, Geschichte, Tonart und Atmosphäre des Werkes.
Hundert von mehr als tausend zwischen den Jahren 1967 und 1992 für den Hörfunk und verschiedene Zeitungen verfasste (Auftrags-)Arbeiten haben in das Buch Eingang gefunden. (Für die deutsche Ausgabe sind mehr deutschsprachige Autoren und Autorinnen berücksichtigt worden). Alle Literaturgattungen sind darin vertreten. Einige Autoren sogar mit mehreren Titeln: Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Frank Wedekind, Elias Canetti, Hugo von Hofmannsthal, Friedrich Nietzsche, Thomas Bernhard, Robert Walser und Gottfried Benn. Weitere Namen sind: Hermann Hesse, Ingeborg Bach- mann, Milan Kundera, Danilo Kiš, Bruce Chatwin, Karl Kraus, Adalbert Stifter, Robert M. Pirsig, Paul Valéry und Jorge Luis Borges, dazu eine ganze Reihe weniger bekannte Namen.
Ist dieses Buch nun mehr als ein Werbe-Gag des Hanser-Verlages? Ich meine, ja. Natürlich sollen auch diese Klappentexte neugierig machen und den Leser animieren das besprochene Werk, die Lyrik, den Roman zu lesen, das Schauspiel zu besuchen, doch Calassos Texte gehen hier einen Schritt weiter. Sie stellen den Autor und sein Werk in einen größeren Zusammenhang, beschreiben dessen Geschichte und die Wirkung auf das Publikum. Hat Roberto Calasso das Schreiben von Klappentexten nun zu einem eigenen Genre gemacht, wie ein Kritiker schrieb? Das vielleicht nicht, doch lesenswert sind seine Texte allemal.
Edition Akzente, Hanser Verlag, München Wien 2006, Paperback 207 Seiten, 17,90 Euro

Roberto Cotroneo: Wenn ein Kind an einem Sommermorgen
                                 Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern

Eher schon in die Rubrik Belletristik gehört dieses Buch des italienischen Romanciers und Literaturkritikers Roberto Cotroneo, ein 200 Seiten langer Brief an seinen knapp dreijährigen Sohn Francesco über die Liebe zu Büchern und zur Literatur im allgemeinen. Mit einem Kanon haben wir es hier ganz und gar nicht zu tun, denn  Cotroneo beschränkt sich im  wesentlichen auf ganze vier Bücher. An ihnen erklärt er seinem Sohn, was man durch sie über das Leben - und vor allem - für das Leben lernen kann. Im ersten Kapitel (mit dem Titel ‘Die Beunruhigung’) geht es um Stevensons Schatzinsel: Die Schatzinsel ist ein Jugendbuch, weil es lehrt, wie dünn und schwankend die Linie ist, die zwischen Gut und Böse trennt. Im zweiten Kapitel © Insel Verlag, Frankfurt/M und Leipzig 2002(‘Die Zärtlichkeit’) beschäftigt sich Cotroneo mit Salingers Fänger im Roggen. Er versucht zu erklären, was Regelverletzung ist, aber auch, was Zärtlichkeit ist und wie Regelverletzung und Zärtlichkeit zusammengehen können. T.S. Eliot und seine Gedichte ‘The Love Song of John Alfred Prufrock’ und ‘The Waste Land’ stehen im Mittelpunk des dritten Kapitels (‘Die Leidenschaft’). In ihm lernen wir, wie es kommt, dass man etwas Wichtiges verlieren kann, dass man zu sprechen verlernt, dass einem die großen Dinge klein vorkommen und die kleinen so, als könnten sie das Universum erschüttern. Im letzten Kapitel (‘Die Begabung’) geht es um Thomas Bernhard und dessen Roman über Glenn Gould: ‘Der Untergeher’. Cotroneo beschäftigt die Frage, was Talent ist, oder genauer: was es heißt, begabt zu sein, vielleicht sogar hochbegabt, aber ohne wirklich Genie zu haben. Im Epilog tritt zum Schluss der große Jorge Luis Borges auf, der in einem fiktiven Schloss die Figuren der Weltliteratur empfängt.
Interessante Lektüre, kurzweilig und tiefsinnig, nicht nur für literaturbegeisterte Väter mit dreijährigen Söhnen, sondern für alle, die Bücher für einen ganz wichtigen Teil ihres Lebens halten. Deshalb zum Schluss noch der Ratschlag Roberto Cotroneos an seinen Sohn: Traue denen, die gerne lesen, hab Vertrauen zu denen, die immer einen Gedichtband mit sich herumtragen. Und misstraue denen, die dir sagen, sie hätten keine Zeit zum Lesen... .
Insel Verlag, Frankfurt/M und Leipzig 2002, Leinen, 215 Seiten, 15,00 Euro

Jürgen Christen: BUCHMARKT in 60 Minuten
Kleines aber feines Büchlein aus der Reihe DIE WELT IN 60 MINUTEN. Hier erfährt man alles zum Thema Buchhandel, -vertrieb, -herstellung, -veröffentlichung, -messe usw. Man erfährt, was ein Lektor macht, was ein Barsortiment ist und warum die Verlage Außendienstmitarbeiter beschäftigen. Ehrlich gesagt, so oder so ähnlich hat man das alles schon einmal gehört. Trotzdem ist es schön, das Buchgeschäft noch einmal kurz und prägnant erklärt zu bekommen. Das Buch liest sich gut, ist kurzweilig und tatsächlich braucht man für die Lektüre nicht mehr als 60 Minuten.
Thiele Verlag, München und Wien, 2015, Hardcover, 108 Seiten, 8 Euro

David Denby:
Große Bücher - Meine Abenteuer mit Meisterwerken aus drei Jahrtausenden

Denby, lange Zeit Filmkritiker des `New York Magazine´, heute Redakteur und Mitherausgeber des `New Yorker´, steckt mit 48 Jahren tief in der  Midlife-Crisis. Um diese zu bewältigen geht er für ein Jahr zurück an die Columbia Universität in New York und belegt dort zwei Semester Literatur. Im Abstand von 30 Jahren beschäftigt er sich nun erneut mit den großen Meisterwerken unserer Zivilisation: Homer, Sappho, Platon Sophokles, Aristoteles, Aischylos und Euripides, Vergil, das Alte und Neue Testament, Augustinus, Machiavelli, Hobbes und Locke, Dante, Boccaccio, Hume und Kant, Montaigne, Rousseau, Shakespeare, Hegel, Jane Austen, Karl Marx und John Stuart Mill, Friedrich Nietzsche, Simone de Beauvoir, Joseph Conrad, Virginia Woolf.
Wer in Denbys Buch literaturwissenschaftliche Abhandlungen erwartet wird enttäuscht. Hier schreibt einer im Plauderton über seine sehr subjektiven Erfahrungen mit den Klassikern, dem Literaturseminar im allgemeinen, den Dozenten, den Mitschülern, und streut hier und da kleine anekdotische Abschweifungen hinein. Kurzweiliges Lesevergnügen - ein Buch, das man auch am Strand oder in der Straßenbahn konsumieren kann.
Ich habe die unsägliche Sünde begangen, dieses Buch zu meiner eigenen Freude und der des Lesers zu schreiben. (David Denby im Klappentext)
btb-Taschenbuch, Goldmann Verlag 2001; 508 Seiten; 12,50 Euro

Jörg Drews & Co. : Dichter beschimpfen Dichter - ein Alphabet harter Urteile
“Dostojewskij ist der Pickel auf der Nase der russischen Literatur.” Von wem stammt dieser Ausspruch? Natürlich von Dostojewskijs Freund und späterem Widersacher Iwan Turgenjev. Viele Hundert solcher und ähnlicher Zitate hat der Publizist und Literaturwissenschaftler Jörg Drews in seinem Büchlein DICHTER BESCHIMPFEN DICHTER versammelt: Lästereien, Beschimpfungen - Kollegenschelte der ganz alltäglichen Art, denn auch Poeten - und gerade sie - ziehen gern über Kollegen ihrer Zunft her, denn “es lässt der Gott nicht zu, dass ein anderer außer ihm sich für groß erachte. (Herodot) Noch ein Beispiel? Kotzebue ist ein welker poröser Zunderschwamm. Jean Paul sagte das über August von Kotzebue. Solche, die es in der Disziplin der Kollegenschelte zu wahrer Meisterschaft gebracht haben sind unter anderen: Gottfried Benn, Walter Kempowski, Arno Schmidt, Eckhard Henscheid und Peter Rühmkorf. Die Zitate sind durchweg kurz, ein Satz, manchmal zwei, selten mehr als zehn Zeilen. - Eine kurzweilige Spielerei für zwischendurch.
Das Buch stellt eine Neuausgabe der beiden 1990 und 1992 im Haffmans Verlag erschienen Sammlungen DICHTER BESCHIMPFEN DICHTER und DICHTER BESCHIMPFEN DICHTER II dar. Illustriert ist es mit zehn farbigen Bücherbildern von Jonathan Wolstenholme.
Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 2006, Hardcover, 270 Seiten, 9,90 Euro

Duo 96: Ausgelesen - Der Roman der letzten Sätze
Alles hat ein Ende - dieser Roman hat 375. Eine Liebesgeschichte, virtuos komponiert aus den Schlußsätzen von Romanen, aber auch ein vergnügliches Ratespiel für Literaturliebhaber. (Klappentext) Inhaltlich eher belanglos, was zu erwarten ist - formal jedoch durchaus interessant und unbestritten eine große Herausforderung für die beiden Autoren Aline Akbari und Matthias Mayer. Jeweils links auf einer Doppelseite der Text, rechts die Autoren und Titel der Romane, aus denen die Sätze stammen. Alles in allem eine nette Spielerei, mehr nicht.
Eichborn AG, Frankfurt am Main, März  2001;  Hardcover, 95 Seiten
 

"Denkzettel"

Anne Fadiman: Exlibris - Bekenntnisse einer Bibliomanin
Da Anne Fadiman aus einer bibliophilen Familie stammt, ist ihr die Liebe zur Literatur und zu Büchern wohl schon in die Wiege gelegt worden. Irgendwann wurde die Liebe zur Obsession und die hat sie - wir lesen es zwischen den Zeilen - ein Leben lang behutsam gepflegt. Gelegentlich hat Anne Fadiman selbst zur Feder gegriffen und ihre Gedanken und Erlebnisse zu Papier gebracht. Im Grunde ist es das, was wir schon von anderen Bibliomaninnen und Bibliomanen  kennen, hier nur verstärkt aus amerikanischer Sicht. (Offensichtlich sieht die Gedankenwelt der Büchernarren in jedem Land der Welt gleich aus.) Wir sehen die Autorin bei der Suche nach der ultimativen Ordnungsstruktur der eigenen Bibliothek, hier speziell bei der durch Heirat bedingten Vereinigung zweier Sammlungen. Sie berichtet von ihrer unerklärbaren Vorliebe für ein bestimmtes literarisches Sachgebiet, hier speziell das der Polarexpedition. Des Weiteren erzählt sie von der heimlichen Freude  beim Durchblättern von Versandhauskatalogen, vom “Kinderspiel” mit Büchern, vom zwanghaften Korrekturlesen, von der Buchpflege, von schönen und unschönen Widmungen und überhaupt vom Zauber, der von Büchern aus zweiter Hand ausgeht.
SchirmerGrafVerlag, München 2005, gebunden, 204 Seiten, 18,80 Euro
 

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Die neuen Klassiker - Ein kleiner Kanon für die Gegenwart: Die wirkungsvollsten Bücher der letzten zwanzig Jahre
Einen höchst interessanten Versuch, nämlich einen Literaturkanon der deutschsprachige Prosaliteratur der letzten zwei Jahrzehnte zusammenzustellen, wagte kürzlich die Feuilleton-Redaktion der FASZ. Dabei handelt es sich um einen Kanon der wichtigsten Bücher der Gegenwart, der wichtigsten deutschsprachigen Bücher der vergangenen zwanzig Jahre. Unterschiedliche Bücher unterschiedlichster Schreibweisen, die vielleicht nur eines vereint, dass sie die Welt, die Wirklichkeit, die Gegenwart auf neue, interessante, freie Art beschreiben und dass sie exzellent geschrieben sind. Der Kanon umfasst ausschließlich Prosabücher, und er umfasst auch ausschließlich Bücher solcher Autoren, die im Jahre 1983 noch nicht kanonisiert waren. (...)
Und hier sich sie, die `Top of  the Pops´: Jakob Arjouni: Happy Birthday, Türke!; Marcel Beyer: Flughunde; Maxim Biller: Wenn ich einmal reich und tot bin; Jenny Erpenbeck: Geschichte vom alten Kind; Jörg Fauser: Rohstoff; Wilhelm Genazino: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz; Gabriele Goettle: Deutsche Sitten; Rainald Goetz: Irre; Max Gold: Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine; Judith Hermann: Sommerhaus, später; Wolfgang Hilbig: “Ich”; Elfriede Jelinek: Lust; Michael Kleeberg: Der saubere Tod; Christian Kracht: Faserland; Helmut Krausser: Fette Welt; Thor Kunkel: Das Schwarzlicht-Terrarium; Joachim Lottmann: Mai, Juni, Juli; Thomas Meinecke: The Church of John F. Kennedy; Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit; Ingo Schulze: Simple Stories; W.G. Sebald: Die Ausgewanderten; Peter Stamm: Blitzeis; Benjamin von Stuckrad-Barre: Livealbum; Patrick Süßkind: Das Parfüm; Feridun Zaimoglu: Abschaum.
Wenige Tage später zitierte Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung Heinrich Heine, der kurz nach dem Tod Goethes der deutschen Literatur keine Zukunft mehr geben wollte. Steinfeld sieht deutliche Parallelen zwischen dem Stand der Literatur von damals und heute. Nun sind aber 170 Jahre verstrichen. Trotzdem mag Steinfeld von neuen Klassikern schon gar nicht sprechen, im Gegenteil: von Stuckrad-Barre - mehr präsent als bedeutend, Judith Hermann (immerhin Kleist-Preisträgerin von 2001) - Schriftstellerin ohne Werk, Kaminer und Zaimoglu - haben noch erkennbar mit der deutschen Sprache zu kämpfen, Christian Kracht, Raoul Schrott und Sibylle Berg - keine schlechten Dichter, sondern auch Wanderschauspieler und Vortragskünstler. Gerademal Botho Strauß, Durs Grünbein und vielleicht noch Rainald Goetz finden Anerkennung als Repräsentanten der jüngeren Generation. Ich frage mich im übrigen, wo bleibt eigentlich der Autor Georg Klein?
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 11, 17. März 2002, Seiten 21 bis 32

Rick Gekoski:
Eine Nacht mit Lolita - Begegnungen mit Büchern und Menschen
Der gebürtige Amerikaner Rick Gekoski arbeitet als Professor für Englische Literatur an der Universität von Oxford. Jedoch gilt seine Liebe weniger den Literaten wie Shakespear und Co., sondern mehr den Büchern selbst: wertvolle Raritäten, Erstausgaben und handsignierte Exemplare berühmter Bücher. Seit vielen Jahren handelt er mit ihnen, sammelt, kauft und verkauft und hat es inzwischen als Raritätenhändler zu internationaler Berühmtheit gebracht. Seine Erlebnisse und Erfahrungen als “Bücherspürhund” hat er in einer Serie von Radiosendungen mit dem Titel “Seltene Bücher,© 2006 Ullstein Buchverlag GmbH, Berlin Seltene Menschen” bereits den Hörern von BBC, Radio 4 nahegebracht. Die vorliegende Buchpublikation beruht auf einer Überarbeitung dieser Hörfunkserie. Im Vorwort schreibt Rick Gekoski: EINE NACHT MIT LOLITA zeichnet die Publikationsgeschichte von fünfzehn bedeutenden Büchern der Moderne nach, Erstausgaben, nach denen sich Sammler die Finger lecken. Und an dieser Stelle verschränkt sich die Biographie des Buches mit derjenigen des Raritätenhändlers. Denn jeder von uns, der das Vergnügen und das Privileg hat, mit großen Büchern zu handeln, weiß Geschichten zu erzählen: wo ein seltenes Buch auftauchte und wie und wo es schließlich landete. Und um wieviel Geld es ging -  eine Sache, die die Leute immer spannend finden. In der Tat sind die fünfzehn Geschichten, die uns Gekoski hier präsentiert äußerst unterhaltsam und spannend zu lesen. Doch in einem Punkt übertreibt er: In den meisten Fällen porträtiert er hauptsächlich die Verlagsgeschichte des betreffenden Buches, während der “Bücherjäger” Gekoskie nur am Rande in Erscheinung tritt. Das ist schade, hatte ich mich doch auf Action-geladene Kriminalgeschichten aus der Unterwelt des Büchhändlergewerbes gefreut. Doch: Ich habe das Buch trotzdem gern gelesen. Hier einiges aus dem Inhaltsverzeichnis: Der kleine Hobbit, Herr der Fliegen, Das Bildnis des Dorian Gray, Ulysses, Der Fänger im Roggen, Die sieben Säulen der Weisheit, Die Satanischen Verse, Harry Potter und der Stein der Weisen...
Ullstein Verlag, Berlin, 2006; Leinen ohne Schutzumschlag, 201 Seiten, 16,90 Euro

Hans-Dieter Gelfert: Was ist gute Literatur?
Wie man gute Bücher von schlechten unterscheidet

Der Untertitel suggeriert dem Leser einen  einfachen und objektiven Kriterienkatalog zur Bewertung von Literatur, den er nach Belieben aus der Tasche ziehen kann, um zum Beispiel im Buchladen das “beste” Buch aus einem Angebot scheinbar gleichwertiger Bücher auszuwählen. Das es so einfach natürlich nicht sein kann, wird schnell deutlich. Zu komplex ist die Materie, um die es hier geht. Immerhin braucht der Autor 200 Seiten, um uns durch das Gestrüpp solcher Begriffe wie Wahrnehmungsenergie, Entropieverminderung, Erwartungs- und Befriedigungslust, Longitudinal- und Transversalspannung, Anfangs- und Restkomplexität, Vollkommenheit, Expressivität, Ambiguität und Authentizität zu führen. Dabei kommt er unserem Verlangen nach einem einfach zu handhabbaren Maßstab einmal sogar recht nahe, indem er uns im Mittelteil seines Buches mit “12 Kriterien der Ästhetischen Wertung” bekannt macht, ein Wertesystem, dass ein hohes Maß an Orientierung bieten könnte, gäbe es nicht ein dreizehntes Kriterium: “Das gewisse Etwas”, dass die vorangegangenen allesamt wieder in Frage stellt.
© Verlag C.H. Beck, München 2004Hans-Dieter Gelfert, bis vor kurzem Professor für englische Literatur an der Freien Universität Berlin, beginnt ganz vorn und stellt zunächst einmal Fragen ganz grundsätzlicher Art: Was macht Literatur zur Kunst; was bewirkt Kunst in uns und warum gibt es Kunst überhaupt, leitet dann über zum Grund des Vergnügens an Kunst und zu Ausdruck und Darstellung als deren Grundelemente. Dann wendet  sich der Autor den drei Gattungen der Literatur zu und fragt: was ist ein gutes Gedicht, ein gutes Drama, eine gute Erzählung und führt jedes mal ein Beispiel an (Rilke, Arthur Miller und Günter Grass, letzterer kriegt gehörig sein Fett weg). Es folgen die Kapitel: Dichter als Weltdeuter; muss gute Literatur ernst sein, muss sie schwierig sein; anspruchsvolle, unterhaltende und triviale Literatur; Kitsch; Erotik; Pornographie; Was ist Weltliteratur, und zum Schluß natürlich die Frage nach dem Kanon: Was soll man lesen? Das stumpfsinnige Entlanghangeln an einem vorgegebenen Kanon lehnt der Autor ab. Er plädiert hingegen für ein “archäologisches Leseverfahren, das immer dann, wenn man bei einem Werk Feuer gefangen hat, nach Verwandten in der zurückliegenden Literatur sucht.” Kindern, die von der “archäologischen Schichtung der Literatur” naturgemäß noch nichts wissen, seien die “Klassiker” der Jugendliteratur aber durchaus empfohlen.
Obwohl man vielleicht doch das eine oder andere Wort im Duden nachschlagen muss, ist das Buch aber doch in einer einfachen, leicht verständlichen Sprache geschrieben. Die Kapitel sind kurz und übersichtlich gehalten. Das Buch ist gut strukturiert und der Autor versteht es den Leser für seinen Text zu begeistern. Unter anderem gelingt ihm dies durch häufige Verwendung von Beispielen in Form von Gedichten und Textauszügen oder der bloßen Angabe von Autor und Werk im konkreten Zusammenhang. Im Anhang sind mehr als 300 Autoren namentlich genannt.
Verlag C.H. Beck, München 2004, Paperback, 220 Seiten, 12,90 Euro

Steven Gilbar: Bibliomania - Ein listenreiches Buch über Bücher
Noch ein Buch mit Listen? Ja, ganz recht. Aber diesmal eins, das sich ausschließlich mit Literatur und Büchern befasst, und das tatsächlich im weitesten Sinne. Viel wissenswertes ist dabei, die Geschichte des Buches, Begriffe aus der Typographie und aus der Literaturwissenschaft, die Bedeutung der ISBN-Nummer, Begriffe aus der Verlagswelt, Buchformate, lateinische Begriffe, Pseudonyme und Künstlernamen, die zwölf Nationalepen und die Epochen der deutschen Literatur zum Beispiel. Anderes dagegen, wie etwa Zehn Zitate aus Asterix, regt eher zum Schmunzeln an. Der Rest besteht aus den üblichen Superlativen: der beste, der längste, der teuerste Roman, das älteste, das größte, das kleinste, das meistverkaufte Buch, die besten brasilianischen Romane, die fleißigste Autorin von Liebesromanen (Barbara Cartland natürlich), die einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland, zehn der besten schwulen und lesbischen Romane und so weiter und so fort. Ähnlich wie in SCHOTTS SAMMELSURIUM sind auch hier die einzelnen Artikel ohne Ordnungsprinzip über das ganze Büchlein verstreut. BIBLIOMANIA ist ein Buch, das zum Querlesen herausfordert.  Die Frage ist nur, wer braucht ein solches Werk? Hartnäckige Nichtleser werden sich auch durch dieses Buch nicht mit der Literatur versöhnen. Doch wir Bücherfans - wir lieben auch dieses.
Dörlemann Verlag, Zürich, 2006; gebunden. 160 Seiten, 16,00 Euro

Ulrich Greiners Leseverführer -
Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur

© Verlag C.H. Beck, München 2005Ebenso wie seine Kollegen Rolf Vollmann, Fritz J. Raddatz und Hans-Dieter Gelfert will auch Ulrich Greiner, Literaturchef der Wochenzeitschrift DIE ZEIT, die Leserinnen und Leser mit dem nötigen Rüstzeug zum Verständnis literarischer Texte ausstatten, wohl wissend, dass das Vergnügen an der Literatur um ein vielfaches größer ist, wenn sich zur bloßen Leidenschaft auch noch Kennerschaft gesellt. Mehrfach vergleicht Greiner das Lesen mit dem Bergwandern, wo nach dem Aufstieg aus der Ebene zwar auch scharfe Grate und tiefe Abgründe drohen, der Wanderer aber ebenso mit grandiosen Ausblicken von Höhen und Gipfeln belohnt wird. In den zehn Kapiteln des Buches geht es um die Lust und das Laster des Lesens, um das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit, um das Fortwirken literarischer Helden, um gute Bücher mit schlechtem Ende, um Anfänge und was sie bedeuten, um Erzählhaltungen und Erzählperspektiven, um Romane, die ihren eigenen Regeln folgen, solche die mit dem Leser spielen, aber auch solche die nicht gut geschrieben sind und schließlich über das Leichte und Schwierige - so die Kapitelüberschriften. Es handelt sich nicht um Literaturgeschichte, schreibt Ulrich Greiner im Vorort. An einer bunten Mischung von Beispielen will ich Ihnen zeigen, was Literatur ist, wie literarische Texte verfahren, was sie auszeichnet und was sie mit uns machen, wenn wir sie lesen. Das beginnt, zeitlich gesehen, bei Wolfram von Eschenbach und Laurence Sterne, es endet bei Günter Grass und Juli Zeh; und geografisch gesehen reicht es von Mario Vargas Llosa bis zu Iwan Gontscharow, von ‘Virginia Woolf bis Italo Calvino und kehrt immer wieder zurück zur deutschen (deutschsprachigen) Literatur. Eines lag jedoch nicht in der Absicht des Autors: einen weiteren Kanon zu verfassen. Und doch ist es irgendwie einer geworden, bei mehr als 130 im Anhang aufgeführten Autorennamen. Der leidenschaftliche Leser wird sie alle kennen: Auster, Bernhard, Böll, Conrad, Defoe, Fielding, Goethe, Hemingway, James, Kafka, Kleist, Koeppen, Márquez, Moritz, Joseph Roth, Stifter, Tolstoi, Zola und die meisten der besprochenen Werke bereits mehr oder weniger verinnerlicht haben. Ist ULRICH GREINERS LESEVERFÜHRER daher ein langweiliges, gar überflüssiges Buch? Nein, im Gegenteil. Durch Greiners ganz und gar unanstrengende, auf Fremdwörter und Fachbegriffe verzichtende, ja beinahe kumpelhafte Sprache, entsteht vielmehr der Eindruck - jedenfalls über weite Strecken des Buches -, sich im Gespräch mit einem guten, überaus belesenen Freund zu befinden, der all die Gedanken über Literatur in Worte zu fassen vermag, die man selbst auf die eine oder andere Art bereits erörtert, in dieser Klarheit und Deutlichkeit aber nie zuvor formuliert hat. Ein wunderbares Lesevergnügen.
Verlag C.H. Beck, München 2005; gebunden, 215 Seiten, 14,90 Euro

Dietmar Grieser: Schauplätze der Literatur -
Vom Zauberberg zur Strudlhofstiege

Dies ist ein Buch für Leser, die ein sinnliches Verhältnis zur Literatur haben, sagt Dietmar Grieser im Vorwort seines Werkes und bietet diesen Lesern gleichsam “Literatur zum Anfassen”: In den jeweils 15 bis 20 Seiten umfassenden Artikeln wandern wir © Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzigauf den Spuren Dostojewskis durch St. Petersburg, folgen Goethe und dem jungen Werther durch Wetzlar und verfolgen die Spuren Adalbert Stifters und dessen Zögling Heinrich Drendorf im NACHSOMMER. Neben Thomas Manns ZAUBERBERG und Heimito von Doderers STRUDLHOFSTIEGE führen uns weitere Reisen an die Orte der Handlung von Marcel Proust AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT, Peter Handke DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER, Shakespeare ROMEO UND JULIA, Joseph Roth HOTEL SAVOY, Arthur Conan Doyle SHERLOCK HOLMES und Tucholsky SCHLOSS GRIPSHOLM. 20 Kapitel umfasst das Buch. Leider sind nur wenige davon bebildert. Ein paar mehr ‘Plätze zum Schauen’ im wörtlichen Sinne hätten dem Buch sicherlich gut getan, zumal die Erstveröffentlichung der einzelnen Artikel im Langen Müller Verlag schon dreißig Jahre zurückliegt und man davon ausgehen kann, dass natürlich auch Stadtbilder und Landschaften im Laufe der Zeit ihr Aussehen ändern.
Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig, Tb 1822, 305 Seiten, 10,50 Euro

Dietmar Grieser: Sie haben wirklich gelebt. Von Effi Briest bis zu Herrn Karl, von Tewje bis James Bond.
Schriftsteller erfinden nicht, sie finden. Für die Richtigkeit dieser ebenso banalen wie treffenden Weisheit hat der bekannte österreichische Autor Dietmar Grieser in seinem Buch ein paar sehr interessante Beweise zusammengetragen. Wir erfahren zum Beispiel wer die historischen Vorbilder waren für Fontanes Effi Briest, Dumas Kameliendame, Schnitzlers Leutnant Gustl, Pasternaks Lara aus seinem Roman Doktor Schiwago, Goethes Gretchen aus dem Faust oder wer Pate stand für James Fenimor Coopers Figur des Lederstrumpf. In Heilbronn sind wir dem Kätchen auf der Spur, in Nagaski der Madame Butterfly und in Charleston (USA) Porgy und Bess. 27 solcher Geschichten enthält Griesers Buch. Allesamt sind sie kurzweilig © Verlag Amalthea in der  F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, Wien, München, 2001und interessant, ja sogar spannend. Erfährt doch der Leser nicht nur Details aus dem Leben der historischen Personen, sondern auch so manche Anekdote  aus dem Leben des betreffenden Autors und der Entstehungsgeschichte seines Werks. Jeder Artikel ist mit zahlreichen Schwarzweiß-Fotos illustriert. Eines zeigt einen älten Herrn.  Vornehm lächelt er in die Kamera. Es handelt sich um Wladyslaw von Moes, Urbild des Knaben Tadzio aus Thomas Manns Novelle TOD IN VENEDIG. In einem Falle allerdings musste Grieser seiner Leserschaft den Namen der betreffenden Person schuldig bleiben. Die Identität des Clochards, der am Abend des 7. Januar 1938 in Paris den Dramatiker Samuel Beckett mit einem Messerstich niederstreckte, und dessen “Je ne sais pas” im WARTEN AUF GODOT Widerhall fand, ließ sich trotz intensivster Recherche nicht mehr ermitteln.
Verlag Amalthea in der  F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, Wien, München, 2001, 243 Seiten, gebunden, 10 Euro

Dietmar Grieser: Gut geraten, lieber Leser -
Ein unterhaltsames Quiz für Bücherfreunde© Albert Langen, Georg Müller Verlag, München, Wien 1983

Im Grunde gleicht das Rätselbuch des österreichischen “Literaturtouristen aus Leidenschaft” (Klappentext) Dietmar Grieser dem weiter oben beschriebenen Buch von Richard Latzin. Ein bisschen kleiner ist es im Format, dünner auch - ein Präsentbüchlein eben. Im Gegensatz zu Latzin, dessen Hinweise sich stärker auf den Inhalt des zu erratenden Buches konzentrieren, gehen Griesers Hilfestellungen mehr auf die Biographie des Autors, die äußeren Umstände bei der Niederschrift seines Werkes und die Schauplätze des Romans ein. Folgerichtig verzichtet er auch darauf, den ersten Satz des Buches seinen Artikeln voranzustellen. Statt dessen eine hübsche Idee: in die Texte sind 24 kleine Portäts in Form von Scherenschnitten eingestreut, denen ebenfalls die entsprechenden Dichternamen zuzuordnen sind.
Albert Langen, Georg Müller Verlag, München, Wien 1983; 144 Seiten, geb.

Harenberg: Das Buch der 1.000 Bücher -
Autoren, Geschichte, Inhalt und Wirkung
, herausgegeben von Joachim Kaiser
Schwer wie ein Ziegelstein und 1.250 Seiten dick ist das jüngste Produkt aus dem Hause Harenberg. Hier gleich ein Zitat aus den Benutzerhinweisen:
Das Harenberg Buch der 1.000 Bücher stellt 1.000 wichtige, wegweisende und lesenswerte Bücher vor, indem es über ihre Autoren informiert und dann ebenso prägnant wie verständlich über Geschichte, Entstehung und Wirkung der ausgewählten Werke berichtet. Berücksichtigt wurden nicht nur Romane, sondern auch bedeutende Novellen, eigenständige Lyriksammlungen und Kinderbuchklassiker, populäre Sachbücher, Reiseberichte und bedeutende Monographien. Auch die großen anonymen Werke der Kulturgeschichte wie Bibel, Talmud und Koran, Edda, Nibelungenlied und das Gilgamesch-Epos werden beschrieben. Dramen fanden grundsätzlich keine Aufnahme. Hauptkriterium für die Auswahl war nicht die Bedeutung des Autors, sondern die Geschichte und Wirkung des einzelnen Werks. Das Harenberg Buch der 1.000 Bücher enthält somit 1.000 Bücher, die die Welt bewegten und selbst zu Geschichte geworden sind.
Jeder Artikel beginnt zunächst mit einer Kurzbiographie des Autors, gefolgt von der Beschreibung seines wichtigsten Werkes. Jeder Werkartikel ist gegliedert nach Einschätzung, Inhalt, Struktur/Aufbau und Wirkung. Besonders bedeutende Autoren sind mit mehreren Werken vertreten. Häufig finden sich zusätzliche Übersichten: die wichtigsten Bücher des Autors, die Hauptfiguren des betreffenden Werkes, Erklärungen von Fachbegriffen, Gattungen, Gruppen und Strömungen sowie Tabellen, die Bücher zu einem bestimmten Thema zusammenfassen. Hinzukommen Zitate, Querverweise und viele, meist mehrfarbige Fotos sowie Abbildungen von Einbänden.
1.000 Bücher, die die Welt bewegten, nennt Joachim Kaiser seine Auswahl. Dass dazu auch die Werke solcher Autoren wie Stefan Aust, Joachim Ernst Behrend, Christiane F., Bruno Bettelheim, Douglas R. Hofstadter, Hoimar von Ditfurth, Nikolaus Harnoncourt, Stephen Hawking, Alice Schwarzer, Astrid Lindgren und solche von Schriftstellern der jüngeren Generation wie Ingo Schulze, Michel Houellebecq, Zeruya Shalev, Viktor Pelevin  und Peter Stamm gehören, erfreut uns. Ob jedoch Ken Follett, Ingrid Noll, Henning Mankell, David Guterson und Donna Leon die Welt bewegten, mag dahingestellt sein. So ist auch dieser - wie jeder - Kanon ein Stück weit subjektiv und wir vermissen viele Namen unserer LESE-TIPPS auf dieser Homepage, zum Beispiel:  Antonia S. Byatt, Marlen Haushofer, Gert Hofmann, Helmut Krausser, Gert Ledig, Cormac McCarthy und vor allen Dingen Maria Alice Barroso und Dieter Wellershoff.
Trotzdem, die 1.000 Texte dieses Buches sind informativ, prägnant und verständlich und dabei kurzweilig und spannend zu lesen. Wer die Anschaffung des teuren Kindler Literaturlexikons scheut, findet hier eine hervorragende und preiswerte (und zudem aktuellere) Alternative.
Harenberg Verlag, Dortmund, 2002, Leinen m. Schutzumschlag, 1248 Seiten, 50 Euro

Hektor Haarkötter: Der Bücherwurm, Vergnügliches für den besonderen Leser
„Ich saß damals in der sehr gut sortierten Bibliothek der Universität Göttingen und stolperte eben über diesen Begriff ‚Bücherwurm’ und dachte mir: Ach komm, jetzt guckst du doch mal, wo dieses Wort eigentlich herkommt. Und, ob da wirklich was dahintersteckt. Also, ob es dieses Tier eigentlich gibt – und wie es eigentlich kommt zu dieser Metonymie, also zu dieser Übertragung vom Tier zum Menschen, vom tierischen Bücherwurm zum menschlichen Bücherwurm.“ Der Kölner Autor und© Primus Verlag, WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2010 Journalist Hektor Haarkötter wurde reichlich belohnt bei seiner Recherche. Zunächst, es gibt ihn wirklich, den Bücherwurm, und nicht nur den einen. Über 160 verschiedene Arten gibt es, allerdings sind die meisten davon Insekten. Da ist als erstes die Bücherlaus (Liposcelis divinatorius) zu nennen, inzwischen ein Sammelbegriff für rund zwei Dutzend Liposcelis-Arten und natürlich der Holzwurm (Anobium punctatum), der es auf die Holzdeckel alter Folianten abgesehen hat. Dann der Speckkäfer (Dermestes lardarius), ein wirklicher Feinschmecker unter den Schädlingen. Er hat der vegetarischen Ernährung abgeschworen und macht sich bevorzugt über alte Pergamente her. Auch der Brotkäfer (Stegobium paniceum) und der Messingkäfer (Niptus hololeucus) sind üble Gesellen. Sie vertilgen nicht nur gewöhnliches Papier, durch ihren Kot tragen sie erheblich zur Verunreinigung bei.
Als im Spätmittelalter die Technik des Linsenschleifens verbessert und die Herstellung einfacher Mikroskope möglich wurde, erfuhren die Büchersammler zum ersten mal, welche Mitbewohner sie in ihren Bibliotheken beherbergten. Lessing war es dann, der den Begriff ‚Bücherwurm’ in seiner Komödie ‚Der junge Gelehrte’ zum ersten mal auf einen Menschen anwandte. Der Bücherwurm war damit erstmals vom Tier zum Menschen übergesprungen. Im folgenden berichtet Hektor Haarkötter wie der menschliche Bücherwurm aussieht, schreibt über Bücherfresser, Bücherfreunde und -feinde, darüber, wie der Wurm in den Computer kommt und wagt einen Ausblick: Der Bücherwurm in der Zukunft.
Das alles ist sehr vergnüglich zu lesen, interessant und informativ. Allen Bücherwürmern zum Genuss sehr empfohlen.
Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, gebunden, 144 Seiten, 12,90 Euro

Carl Spitzweg (1808 - 1885), Der Bücherwurm

Herman Hesse: Eine Bibliothek der Weltliteratur© Verlag Philipp Reclam, Stuttgart
Wer einen Literaturkanon sucht, der sich hauptsächlich auf Klassik und Antike stützt, ist mit Hermann Hesse gut beraten. Aus dem Inhalt: Gilgamesch, Lao-tse, Sokrates, Vergil, Dante, Boccaccio, Eschenbach, Rabelais, Stendal, Balzac, Shakespeare, Thackeray, Cervantes, Ibsen, Tolstoi, Goethe, Hugo, Kleist, Mörike, Büchner.
Hermann Hesse schrieb die BIBLIOTHEK DER WELTLITERATUR 1929 für den Reclam-Verlag. Das schmale Büchlein liest sich sehr trocken. Es ist eher eine Aufzählung ohne viel Information.
Möge das Büchlein, das aus einer freundlicheren Zeit stammt, auch jetzt wieder manchem Suchenden als erster Führer durch die Welt der Bücher dienen, bis er den Weg allein weiterfindet. (Hermann Hesse zur Neuauflage 1948)
Verlag Philipp Reclam, Stuttgart, Universal-Bibliothek Nr. 7003; 45 Seiten; ca. 2,00 Euro

Walter Hinck: Roman-Chronik des 20. Jahrhunderts
Eine interessante Variante eines Kanons legt nun der Kölner Professor für Neuere deutsche Literatur Walter Hinck mit seiner ROMAN-CHRONIK DES 20. JAHRHUNDERTS vor. Die Auswahl der Romane (...) ist so getroffen, dass Grundlinien der Geschichte des 20. Jahrhunderts erkennbar werden, die Romanchronik also eine Geschichtschronik durchscheinen lässt. (...) Aufgesucht werden Schnittpunkte, an denen Literatur und Realgeschichte sich berühren und ein Widerschein geschichtlicher Abläufe und Prozesse in die Romane fällt. (aus dem Vorwort) So heißt sein Buch denn auch im Untertitel: EINE BEWEGTE ZEIT IM SPIEGEL DER LITERATUR. Dabei sollte es ein Kanon eigentlich nicht sein, sagt Walter Hinck, eher eine ganz persönliche Auswahl, die dem selbst gesetzten Anspruch genügt. Neben Heinrich Manns “Im Schlaraffenland”, Thomas Manns “Königliche Hoheit” und  Heinrich Bölls “Und sagte kein einziges Wort” sind es allerdings eher die allseits bekannten Standardwerke der deutschsprachigen Literatur, die der Autor in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt: Robert Walsers “Jakob von Gunten”; Rilkes “Malte Laurids Brigge”, Brochs “Die Schlafwandler”, Canettis “Blendung”, Seghers “Das siebte Kreuz”, von Doderers “Strudlhofstiege”, Frischs “Homo Faber”, Johnsons “Mutmaßungen über Jakob”, Beckers “Jakob der Lügner” und Lenz’s “Heimatmuseum”. Die literarische Zeitreise umfasst genau einhundert Jahre. Sie beginnt mit Heinrich Mann und endet mit Marcel Beyers “Flughunde”, Günter Grass’ “Ein weites Feld”, Norbert Gstreins “Die englischen Jahre” und Dieter Wellershoffs “ Der Liebeswunsch”. 37 Romane umfasst das Buch. Jede Besprechung ist nicht länger als sechs oder sieben Seiten. Die Sprache Walter Hincks ist anspruchsvoll. Sie erfordert die Konzentration des Lesers. Da die Texte jedoch ohne Querverweise und Fußnoten auskommen, ist ihre Lektüre keineswegs ermüdend, sondern macht Lust, den einen oder anderen vergessenen Roman noch einmal zur Hand zu nehmen. Walter Hinck geht ausführlich auf den Inhalt ein, kommentiert ihn, deutet und interpretiert und stellt das Werk in einen größeren Zusammenhang, indem er Parallelen zieht zu anderen Werken deutschsprachiger Literatur jener Zeit. Der Leser spürt: Hier ist jemand am Werk, der große Fachkenntnis besitzt, jemand mit Leidenschaft und Liebe zur Literatur. Warum Walter Hinck jedoch gerade diesen oder jenen Roman und keinen anderen für sein Kompendium ausgewählt hat und worin nun eigentlich der Bezug zu (...) der politischen und der Sozialgeschichte, der Kultur-, der Alltags- und Mentalitätsgeschichte (...) (Vorwort) zu finden ist, wird leider weniger deutlich.
DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2006, gebunden, 282 Seiten, 24,90 Euro

Initiative Deutsche Sprache & Stiftung Lesen (Hrsg.): Der schönste erste Satz
Im Jahr 2007 baten die Initiative Deutsche Sprache und die Stiftung Lesen Leserinnen und Leser weltweit um Vorschläge zur Prämierung des schönsten ersten Satzes aus © 2008 Hueber Verlag, 85737 Ismaning, Deutschlandeinem Werk der deutschsprachigen Literatur. Mehr als 17.000 Menschen fühlten sich angesprochen und sandten ihre Vorschläge ein, einschließlich ihrer ganz persönlichen Begründung. Die schönsten und interessantesten davon sind nun in diesem sehr ansprechend gestalteten, großformatigen Band abgedruckt, ergänzt durch Kommentare zum Thema durch die Mitglieder der Jury: Prof. Dr. Jutta Limbach, Heiner Brand, Thomas Brussig, Elke Heidenreich, Paul Maar und Marietta Slomka. Ein kleiner Appetithappen gefälligst? Hier ist einer der eher kürzeren Art: “Als ich jung war, habe ich wie die meisten jungen Menschen geglaubt, ich müsste jung sterben.” (aus ANIMAL TRISTE von Monika Maron), die Begründung einer Leserin aus Hamburg: Ich las diesen ersten Satz in einer Buchhandlung auf der Suche nach neuer Lektüre, eher gelangweilt, abgespannt nach der Arbeit. Ich stutzte. Diesen Satz kannte ich. Ich habe selbst so gedacht. Immer, wenn meine Mutter von “jung gestorben” sprach und damit einen Menschen um die fünfzig meinte, keimte in mir genau dieses Gefühl auf und ich wandte mich hochmütig meinen inneren Dialogen mit Kafka, Sartre, Camus zu, die meine Schattenwelt und meine jugendliche Arroganz nährten. Verstanden habe ich sie erst später, wenn überhaupt. -
Wie kommt eine Schriftstellerin zu meinem Satz?

Fazit: Ein Buch mit wenig Informationsgehalt, aber durchaus eines mit Unterhaltungswert - amüsant für zwischendurch zum querlesen.
(PS: Die Krone für den schönsten ersten Satz ging an: “Ilsebill salzte nach” aus DER BUTT von Günter Grass, dicht gefolgt von Franz Kafkas DIE VERWANDLUNG: Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.)
Hueber Verlag, Ismaning 2008, Leinen, 127 Seiten, 9,95 Euro

Olaf Irlenkäuser, Rainer Vollmar: Das Buch der Bücher
Und noch so ein “Listen”-reiches Buch. Im Fahrwasser des Erfolges von SCHOTT’S SAMMELSURIUM lassen sich solche Bücher derzeit wohl gut an den Mann und an die Frau bringen. Im Grunde unterscheidet sich dieses hier kaum von Steven Gilbar’s BIBLIOMANIA - mit einer Ausnahme vielleicht: Irlenkäusers und Vollmars Buch ist näher dran am Stoff, will sagen näher an den Themen Literatur, Lesen, Buchdruck. Es verzichtet weitgehend auf Listen mit Superlativen (das größte Buch, das älteste, das teuerste) und bietet somit mehr Platz für längere Texte von Literaten wie Peter Suhrkamp, Ludwig Harig, Robert Walser, Peter Bichsel, Reinhard Piper, Sándor Márai, Jaroslav Hašek und Carlos Ruiz Zafón. Trotzdem eignet sich auch dieses Buch wunderbar zum Querlesen. Und manches regt sogar zum schmunzeln an, etwa wenn es um Ratgeberliteratur in Sachen Erotik geht oder um die Titel der nie erschienen Bücher von Wolfgang Koeppen. Alles in allem scheint mir DAS BUCH DER BÜCHER mehr auf  deutsche Leser zugeschnitten zu sein im Gegensatz zu dem zuerst in USA erschienenen BIBLIOMANIA.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2006, Leinen, 142 Seiten, 15 Euro


 

Alex Johnson: Schreibwelten - Wie Jane Austen, Stephen King, Haruki Murakami, Virginia Woolf u.v.a. ihre Bestseller schufen
Emily Dickinson schrieb ihre Gedichte im Schlafzimmer, Montaigne residierte im Turm seines Schlosses, Murakami schreibt in seinem Büro, umgeben von tausenden von Schallplatten, Proust - wir wissen es - schrieb überwiegend im Bett, J.K. Rowlings erster Harry Potter-Band entstand dagegen in diversen Cafés in Edinburgh, Gertrude Stein schrieb gern im Auto und Agatha Christie schrieb überall, auch in der Badewanne.
Alex Johnson: SchreibweltenAlex Johnson stellt uns in fünfzig eindringlichen Porträts die Orte vor, an denen Weltliteratur entstand. „Wir erhalten Zugang zu den ganz privaten Lebensräumen (unserer literarischen Lieblinge), blicken ihnen beim Schreiben über die Schulter und erfahren, wie sie ihre besten Werke geschaffen haben.“ (Klappentext) Nebenbei erfahren wir noch die eine oder andere amüsante Marotte. Balzac zum Beispiel, benötigte zur Bewältigung seines enormen Tagespensums Unmengen von Kaffee. Isabel Allende beginnt ihre Romane immer am 8. Januar. Astrid Lindgren benutzte die Stenografie wie eine Geheimsprache und John Green schreibt seine Romane angeblich auf einem Laufband mit Schreibpult.
Bis auf wenige Ausnahmen finden in diesem Buch leider nur englischsprachige Autorinnen und Autoren Berücksichtigung. Deutschsprachige kommen überhaupt nicht vor. Das ist schade. Auch die Aquarelle von James Oses, die jeden Text illustrieren, sind zwar hübsch anzusehen, Fotos würden aber in den meisten Fällen einen stärkeren Eindruck hinterlassen.
Fazit: Die Texte sind kurz und knackig und sehr unterhaltsam. Ein Buch zum Querlesen. Ob allerdings der Preis von 28 Euro gerechtfertigt ist, mag jeder selbst entscheiden.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2023, HC, 191 Seiten, 28 Euro


 

Thomas Kerstan: Wir brauchen einen neuen Kanon
(Artikel in der ZEIT Nr. 34/2018)
Einen Beitrag zur aktuellen Kanondebatte leistete im Sommer 2018 der Bildungskorrespondent der Wochenzeitschrift DIE ZEIT Thomas Kerstan. Er hatte einen “medienübergreifenden” Kanon im Sinn und berücksichtigte somit neben Werken der Literatur auch solche aus den Bereichen Film, Kunst, Sachbuch und sogar Computerspiel. Da sich nur wenige Werke von Frauen auf der Liste wiederfanden, ein Umstand, auf den Thomas Kerstan in seinem Artikel explizit hingewiesen hat, bildete sich im Frühjahr 2019 eine Initiative mit dem Titel:
“Die Kanon”: ein Gegenentwurf zum männlichen Bildungskanon.
Mehrere Journalistinnen, Autorinnen und Wissenschaflerinnen, darunter Sybille Berg und Margarete Stokowski begannen ihrerseits einen Kanon zusammenzustellen: die bedeutendsten Werke nur von Frauen.

Links:

• DIE ZEIT: Wir brauchen wir einen neuen Kanon

 

• “DIE KANON”


Kindlers Literatur Lexikon
Von den zahlreichen Literaturlexika sei hier nur KINDLERS LITERATUR LEXIKON besonders erwähnt, weil es in Umfang und Art einmalig ist. Nach rund fünfjähriger Arbeit erschien am 4. September 2009 die dritte, erweiterte und überarbeitete Ausgabe. Achtzehn Bände, 14.664 Seiten, 21.200 Einzelartikel, das Werk des Publizisten Heinz Ludwig Arnold, der mit acht Redakteuren, 75 Fachberatern und rund 1.500 Autoren eine wissenschaftliche und logistische Großtat vollbrachte. Jedem einzelnen Werk eines Autors (einer Autorin) ist ein eigenständiges Kapitel gewidmet. Der Schwerpunkt liegt sowohl auf  Aussage und Bedeutung von Romanen und Erzählungen als auch auf biographischen Details der AutorenInnen. Das alles hat natürlich seinen Preis: Die gebundene Ausgabe kostet 1.950 Euro. Die mit dem gedruckten KINDLER nahezu identische Online-Ausgabe, deren jährliche Aktualisierung abonniert werden kann, gibt’s zum gleichen Preis.
Als preiswerte Alternativen vielleicht noch erwähnenswert: Lexikon der Weltliteratur (Gero von Wilpert), Der Literatur Brockhaus, Metzler Autoren Lexikon, Reclams Romanlexikon
KINDLERS LITERATUR LEXIKON, Metzler Verlag, 18 Bände inkl. Registerband,
14.664 Seiten, 1.950 Euro
www.derkindler.de

Reinhard Klimmt: Überall und nirgendwo – Aus der Welt der Bücher
Reinhard Klimmt, ist das nicht der …? Ja, genau, Nachfolger Oskar Lafontaines auf dem Stuhl des Ministerpräsidenten des Saarlandes, dann Verkehrsminister im Kabinett Schröder und - ich gestehe, ich habe es bis vor kurzem auch nicht gewußt - Vielleser, Büchersammler, also Bibliomane durch und durch. (Woher nimmt der Mann nur die Zeit zum lesen?) Zwischen 2001 und 2004 schrieb Klimmt zahlreiche Kolumnen für den Internet-Marktplatz Abebooks.de, die jetzt bei Gollenstein gesammelt vorliegen. Viele der 47 zwei- bis dreiseitigen Texte geben sehr persönliches wieder: Entdeckungen in der eigenen Bibliothek, Gedanken über Literatur am Strand oder Erinnerungen an die Helden der Heftchenromane aus der Kinderzeit. Anderes spiegelt die patriotische Zuneigung des Saarländers zu seiner Heimat und deren Nähe zu Frankreich wieder. Das meiste aber spricht uns Büchernarren aus der Seele. Zum Beispiel, wenn Klimmt erklärt, warum er Taschenbücher aus den 50er und 60er Jahren sammelt, was ihm Michel de Montainge heute noch zu sagen hat, wenn er erzählt von dem Wonnegefühl, eine bibliophile Erstausgabe in Händen zu halten oder die notorischen Platzprobleme des Büchersammlers beklagt oder wenn er sich Gedanken macht über die vermeintliche Bedrohung des Mediums Buch durch das World Wide Web.
Gollenstein Verlag, Blieskastel 2006, broschiert, ergänzt durch zwölf farbige Holzschnitte von Uwe Bremer, 149 Seiten, 18 Euro

Peter Köhler (Hsg.):
Donnerwetter! Da hab' ich mich umsonst besoffen - Dichteranekdoten

"Im Anfang war das Wort - am Ende steht das Geschwätz. Irgendwo dazwischen befindet sich die Anekdote, die kurze und meist komische Erzählung über einen ungewöhnlichen, kuriosen Vorfall aus dem Leben einer mehr oder weniger bekannten Person." So beginnt Peter Köhler das Vorwort zu seiner viele hundert Geschichten umfassenden Anekdotensammlung. Die Personen sind eher mehr als weniger bekannt. Von Lascelles Abercrombie bis Stefan Zweig, von Homer bis Benjamin von Stuckrad-Barre reicht die Liste der Autoren. Von Mark Twain erfahren wir zum Beispiel: "Die Wahrheit ist unser höchstes Gut, lasst uns sparsam damit umgehen." Von Jean Cocteau ist überliefert: "Der © Philipp Reclam jun., Stuttgart 2004Unterschied zwischen einem Schriftsteller und einem Übersetzer besteht darin, dass der Übersetzer meistens zwei Sprachen nicht beherrscht." Und über Oscar Wilde erfahren wir, dass er einmal einen ganzen Vormittag damit verbracht habe, ein Gedicht zu überarbeiten, in dem er schließlich nichts als ein Komma gestrichen hätte. Allerdings, so lesen wir, habe er es am Nachmittag wieder eingefügt. Solcher Art sind die hier versammelten Anekdoten. Die meisten sind kurz, nur zwei, drei Sätze lang. Wenige umfassen eine halbe Seite oder mehr. Obwohl in Kapitel geordnet lassen sie sich gut in willkürlicher Reihenfolge lesen. So lässt man sich am besten treiben, liest mal hier und da und kann sich sicher sein: jede kleine Geschichte lädt zum schmunzeln ein. Somit ist Peter Köhlers kleiner Band das ideale Buch für zwischendurch.
Ach übrigens, das Zitat, das dem Buch den Titel gab, stammt von Goethe, der aus Enttäuschung darüber, dass ihn niemand zum Geburtstag besuchte, zur Weinflasche griff. Wie sich aber herausstellte, hatte sich der Dichterfürst im Datum geirrt.
Philipp Reclam jun., Stuttgart 2004; geb. 245 Seiten; 12,80 Euro

Thomas Kraft: Schwarz auf weiß oder Warum die deutschsprachige Literatur besser ist als ihr Ruf - Eine Werbeschrift
Tatsächlich handelt es sich hier um eine Werbung für die jüngere deutschsprachige Literatur (Also Bleistift und Papier bereithalten), denn im Gegensatz zu den Autoren Heinz Schlaffer, der der deutschsprachigen Literatur seit 1945 nichts Gutes mehr abgewinnen kann, und Helmut Böttiger, der die dünne Luft “jenseits der Utopien” beklagt, schaut Thomas Kraft durchaus optimistisch und mit mehr Wohlwollen auf die Prosatexte deutschsprachiger Autoren des vergangenen Jahrzehnts. In zwölf kurzen Kapiteln stellt er sie vor, die Autorinnen und Autoren, nennt ihre wichtigsten Werke und begründet ihre, nach seiner Meinung hervorgehobene Stellung im Literaturbetrieb. Im Anhang sind sie alle noch mal aufgeführt, mit Namen und Werk: Thomas Brussig, Helmut Krausser und Georg Klein zum Beispiel, Thomas Hettche, Annette Pehnt, Ralf Rothmann und Gregor Hens, Melitta Breznik, Ingo Schulze und Uwe Timm, Josef Haslinger und Juli Zeh, W.G. Sebald und Robert Menasse Thomas Stangl und Terézia Mora, um nur einige zu nennen. Der Leser wird die meisten von ihnen kennen. Troztdem, Thomas Krafts Büchlein ist interessant und kurzweilig und macht Appetit auf mehr.
Kookbooks Verlag, Idstein 2005, Paperback, 128 Seiten, 14,90 Euro

Klaus Küpper, Helmut Schaaf, Hanna Elskamp: Bücher zu Lateinamerika
Aus dem Vorwort zum Gesamtverzeichnis 1996: Die `BÜCHER ZU LATEINAMERIKA gehen inzwischen in das 12. Jahr. Mit den Rezensionen von Sachbüchern zum Thema Lateinamerika und von ins Deutsche übersetzten literarischen Werken lateinamerikanischer SchriftstellerInnen ist das ursprünglich alternative Projekt aus der Kölner Solidaritätsszene inzwischen zu einem anerkannten Standardwerk geworden. Es ist für Lateinamerika-Interessierte ein einmaliges Instrumentarium, um sich in der Fülle der Bücher sinnvoll orientieren zu können.
Das Buch besteht aus zwei Teilen: Sachbücher und Literatur. Jeder Teil gliedert sich in Länderkapitel. Hinzu kommen Kapitel zur Sekundärliteratur, zu Kunst, Musik, Theater, Märchen, Kinder- und Jugendbücher und Anthologien. Allein der von Klaus Küpper verfasste Literaturteil umfasst mehr als 700 Titel. Neben den üblichen Verlagsangaben gibt es zu jedem Titel eine kurze Rezension und zu jedem Autor, zu jeder Autorin stichpunktartige biographische Angaben und - falls vorhanden - ein Foto.
Dieses Buch ist ein unerlässliches Nachschlagewerk - für alle Fans der Lateinamerikanischen Literatur ein absolutes Muss.
Noch einmal zurück zum Vorwort: Wir verstehen uns und unsere Arbeit weiter als Teil von Gegenöffentlichkeit und wünschen uns, dass die BÜCHER ZU LATEINAMERIKA dazu beitragen, das Wissen um die Notwendigkeit und Möglichkeit emanzipatorischer Entwicklungen zu verbreitern - und vielleicht auch noch dazu anregen, aktiv Stellung zu beziehen.
Herausgeber: Der andere Buchladen, Zülpicher Str. 197, 50937 Köln, Informationsstelle Lateinamerika, Heerstr. 205, 53111 Bonn; Paperback, 360 Seiten
Klaus Küpper hält viele der im Buch erwähnten Titel selbst vorrätig. Näheres kann man dem Katalog antiquarischer Bücher entnehmen, den er jährlich aktualisiert. Die derzeitige Ausgabe umfasst ca. 1.500 Titel zu Preisen oft unter 10 Euro.
Email: Kuepper-Koeln@t-online.de
Von Klaus Küpper sind ebenfalls erschienen: Bibliographie der portugiesischen Literatur (Prosa, Lyrik, Essay und Drama in deutscher Übersetzung), 161 Seiten, und Bibliographie der brasilianischen Literatur (Prosa, Lyrik, Essay und Drama in deutscher Übersetzung), 301 Seiten.
PS. Meines Wissens sind die hier aufgeführten Bücher in den letzten Jahren nicht neu aufgelegt worden und daher im Buchhandel nicht mehr erhältlich. Mit etwas Glück findet man sie jedoch noch in gut sortierten Antiquariaten.


 

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